Frequently Asked Questions
Wer kennt Sie nicht, Stehsätze à la "Wir können uns den Sozialstaat
nicht mehr leisten". Aber was steckt eigentlich hinter diesen Aussagen?
Wir werden hier die gängigsten Stehsätze, Allgemeinplätze und Mythen zu
angeblich ökonomischen Notwendigkeiten und Selbstverständlichkeiten
kurz hinterfragen.
Sollten Sie noch Fragen haben, oder Mythen kennen, die dringend zu hinterfragen wären, dann freuen wir uns auf ein Mail an dialogbuero.wien@gruene.at.
In Österreich ist die Steuerlast sehr ungleich verteilt. Ein großer
Anteil, ca. 1/3 an Steuern und Abgaben wird lohn- und einkommensbezogen
eingehoben. Ein weiteres Drittel kommt aus der Umsatzsteuer. Der Anteil
der vermögensbezogenen Steuern am Gesamtabgabenaufkommen ist einer der
niedrigsten in der OECD. Hohe vermögensbezogenen Steuern finden wir
dagegen in der USA, Großbritannien und auch der Schweiz - alles andere
als kapitalismusfeindliche Länder.
Laut OECD hebt Österreich derzeit ca. 1,4 Milliarden Euro an
vermögensbezogenen Steuern ein. Eine Anhebung auf den Durchschnitt der
EU-15 würde ein Aufkommen von ca. 4,8 Milliarden Euro ergeben. 5
Milliarden Euro aus vermögensbezogenen Steuern bedeuten somit schlicht
und einfach das Aufschließen Österreichs an die europäische
Steuerrealität. Das sind nur 0,78% der riesigen Vermögen der Reichen
und Superreichen für Bildung und soziale Sicherheit. Für alle Menschen
in Österreich.
Arbeitsplätze werden nicht allein durch steuerliche Begünstigungen
geschaffen. Die Entscheidung für einen Standort hängt von einer Reihe
von Faktoren ab. Zu nennen sind unter anderem: Infrastruktur,
(Aus)Bildungsniveau der Arbeitskräfte und Binnennachfrage bzw. die Nähe
zu Absatzmärkten.
Steuerliche Begünstigung ist eine kurzfristige Subventionspolitik,
die den Steuerwettlauf nach unten gerade in Binnenmärkten wie der EU
extrem beschleunigt. Das meiste Vermögen wird an den Finanzmärkten mit
einer Renditeerwartung angelegt. Dieses Verhalten beeinflusst die
Investitionsneigung negativ. Investoren erwarten kurzfristige Gewinne.
Unternehmensinvestitionen, die auch Arbeitsplätze schaffen, rechnen
sich meistens langfristig Dafür wird aber vielfach auf den
Finanzmärkten kein Kapital zu Verfügung gestellt.
Hier wird Wirtschaft mit den Profiten der Unternehmen gleichgesetzt.
Aber obwohl die Profite der Unternehmen in den letzten Jahren sehr hoch
sind, sind ihre Investitionen anhaltend niedrig. Ebenso ist es eine
Tatsache, dass die Bekanntgabe von Entlassungen im großen Stil häufig
für einen steigenden Kurs an den Börsen sorgt.
Die Aussage vom direkten Zusammenhang des Wohlbefindens der
Wirtschaft und dem übrigen Teil der Gesellschaft soll suggerieren, dass
alle die gleichen wirtschaftlichen Interessen - die bestmögliche
Kapitalverwertung - zum Ziel hätten. Doch während die einen vergnüglich
die Bootsfahrt genießen (Wir sitzen alle in einem Boot), müssen die
anderen mühsam rudern. Dass das ökonomische Treiben doch von
Interessensgegensätzen getragen wird, offenbart sich spätestens bei
jährlichen Lohnverhandlungen.
Zum anderen stempelt dieser Stehsatz das Wirtschaftswachstum zum
einzig denkmöglichen Wohlstandsindikator einer gesamten Gesellschaft.
Im Allgemeinen messen wir Lebensqualität (auch) mit anderen
Indikatoren. Das Wirtschaftswachstum sagt nichts über den Zustand einer
Gesellschaft, das Rechtssystem, die Arbeitsbedingungen, die Verteilung
des produzierten Reichtums sowie die sozialen Standards etc. aus. Auch
Nachhaltigkeitsfaktoren wie Umweltverschmutzung, Folgekosten für
Gesundheit und ähnliches werden nicht als solche berücksichtigt.
In den frühen 80er Jahren waren es die zu starken Gewerkschaften,
dann die staatliche Regulierung: Immer waren und sind den Unternehmen
die Löhne zu hoch. Die gleiche Argumentation von der angeblichen
Notwendigkeit der Lohnzurückhaltung, um die Wettbewerbsfähigkeit und
den allgemeinen Wohlstand für alle sicherstellen zu können, ist aber
heute auch von der Wirtschaftskammer, der Industriellenvereinigung
sowie von manchen Ökonomen, wie Bernhard Felderer vom Institut für
höhere Studien (IHS) zu hören.
Eine OECD Untersuchung in 10-EU Ländern inklusive Österreich, über
einen Zeitraum von 25 Jahren kann die Aussage nicht bestätigen. In 25
Jahren Lohnzurückhaltung hat sich die Arbeitsmarktsituation nicht
verbessert.
In der ökonomischen Literatur ist jedoch weitgehend unbestritten,
dass Nachfragemangel, also unzureichender Konsum, Arbeitslosigkeit
verursachen kann: dies gilt auch dann, wenn kleine exportorientierte
Volkswirtschaften wie Österreich von niedrigen Lohnstückkosten
profitieren und ihre produzierten Güter und Dienstleistungen im Ausland
absetzen können. Die Inlandsnachfrage steht in Zusammenhang mit der
Entstehung von Arbeitsplätzen. Inlandsnachfrage kann aber nur durch die
Erhöhung von Einkommen, mit einer hohen Konsumneigung, also besonders
im unteren Bereich, angekurbelt werden.
Diese gebetsmühlenartig wiederholte Aussage, hält einer Überprüfung
nicht stand. Unsere Gesellschaft wird immer reicher, unsere
Wertschöpfung und unser Wohlstand verdoppelt sich im Schnitt alle 35
Jahre bei gleichbleibenden Wachstumsraten. Die öffentlichen
Sozialausgaben sind kaum merkbar angestiegen. Sie lagen 1980 bei rund
27 % des Bruttoinlandsprodukts und seit Mitte der 1990er Jahre bei 29 %
(2003: 28,5%).
Richtig ist allerdings, dass die Sozialausgaben in Österreich zu
einem großen Teil von Abgaben auf Löhne und Gehälter bzw.
lohnsummenabhängigen Abgaben geleistet werden. Die Lohnquote - Anteil
von Löhnen und Gehältern am Bruttoinlandsprodukt - ist ein wichtiger
Parameter für die Finanzierung der Sozialausgaben in Österreich. Sinkt
die Lohnquote, dann wird im gegenwärtigen System auch die Finanzierung
schwieriger. Gleichzeitig ist zB. Arbeitslosigkeit sehr teuer. Nicht
nur die Kosten für die Transferleistungen für Menschen ohne
Erwerbsarbeit schlagen hier zu buche, sondern auch die
Einnahmenausfälle. Ob sich Österreich den Sozialstaat leisten kann,
hängt in erster Linie von der Abgabenstruktur und vom politischen
Willen ab.
Dieser Ausspruch von Margaret Thatcher prägte den neoliberalen Umbau
der Gesellschaft, der bis heute anhält. Es kam, verbunden mit dem
Versprechen von höherem Wachstum und höherer Beschäftigung, zu einer
neoliberalen Dominanz der Wirtschaftspolitik. Grundorientierung ist die
Deregulierung des Arbeitsmarkts, die Senkung von Unternehmenssteuern
und eine Zurückdrängung des Staates zugunsten von Privatisierungen. Die
mit dieser Politik in Aussicht gestellten Versprechungen sind zwar
nicht eingetreten, trotzdem ist es gelungen, diese Entwicklung als
alternativlos und unausweichlich darzustellen. Für die angebliche
Alternativlosigkeit gibt es jedoch keinen Beleg.
Neoliberale Wirtschaftspolitik baut auf einer eindeutig tendenziösen
Marktideologie auf und „verkauft" diese als unumstößliche Wahrheit.
Ökonomie oder Wirtschaftswissenschaft verfügt jedoch nicht über eine
ausschließliche Form von Wahrheit, sondern erklärt ihren Gegenstand in
Abhängigkeit vom jeweiligen Blickwinkel. Schließlich ist die Ökonomie
eine Politische.